22. Mai 2008

                                                                                                                                                                            21:00

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Leseprobe Dietmar Haiduk - Blogistiv 1.o

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16. April

Hier bei uns in Blacksburg

Was für ein Dilemma in dieser Welt: während man sich selbst eben noch den Kopf zerbricht über

Sinn und Unsinn eines anstehenden Buchcover-Entwurfs, stirbt einige Flugstunden entfernt –

im amerikanischen Blacksburg – ein Mensch nach dem anderen … Heute ist Montag, der 16. April,

ein lauer Frühsommer-Abend in Potsdam, 20 Grad. Draußen, vor den Fenstern, in den Kneipen der Straße,

lärmen die, die sich amüsieren wollen.

 

Hier drinnen und je öfter ich den Browser meines Rechners auf aktualisieren schalte, werden in jenem

Blacksburg offensichtlich immer neue Leichen geborgen. Vor vier Stunden waren es 22, jetzt sind es

33 tote Studenten. Wie viele werden es morgen früh sein – nach dem Aufstehen? Oder was wird dann

auf dieser Welt Schlimmeres geschehen sein? Man will nicht hinausschauen in diese Welt. Aber:

Warum sollte man dann hier sitzen und noch schreiben?

 

19. April

bedrückende Nähe

Ein merkwürdiges Gefühl, am Morgen eine große Berliner Zeitung aufzuschlagen und – auszugsweise –

die Theatertexte jenes Amokläufers von Blacksburg zu lesen. Er schrieb also auch. Und er schrieb auch mehr,

als das heute noch zum alltäglichen Dasein zwingend notwendig wäre. Verwirrt, wie es schien, war er – in sich

und mit allem um sich zerrissen, am Ende wohl nicht mehr er selbst. Heißt es. Aber wahrscheinlicher ist doch,

dass er nie so sehr er selbst war, wie an jenem Montagmorgen der Tat in Blacksburg. So brutal, so zerstörerisch,

so asozial und so unmenschlich. Was, wenn auch er nur aus Gründen geschrieben hat, die einen selbst täglich

an den Rechner treiben: sich in den eigenen Texten selbst zu finden. Sich selbst mit Worten zu ergründen.

Das eigentlich Beklemmende dabei ist zu erkennen, dass ausgerechnet das Schreiben einen mit einem Amokläufer verbinden kann.

Schlimmer noch: dass Schreiben allein also nie heißen muss, am Ende besser dazustehen, als vorher, weil man schreibend

Erkenntnisse gewonnen haben könnte, die einem die Unerklärbarkeit des Lebens Stück für Stück nehmen. Vielleicht wäre es

manchmal einfach besser, Gras über Verschüttetes wachsen zu lassen. Nichts in Texten formulieren zu wollen,

nichts auf diese Weise hervorquellen zu lassen aus Unbegreiflichem, das einen im simpelsten Fall überraschen, im schlimmsten

entgleiten und zur Waffe treiben könnte. Allein, dass man schreibt und reflektiert, was einen umgibt, heißt noch lange nicht, der Welt

näher zu kommen. Es kann einen auch von dieser entrücken, auf das größtmögliche Maß.

 

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