22. Mai 2008
21:00
Archiv Potsdam
Schementhemen
Leseprobe Dietmar Haiduk - Abriss Leben
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(…) In wenigen Monaten wurde aus Abgrenzung Provokanz und aus Desinteresse Intoleranz.
Aus der folgenden Leere, weil nichts mehr war, was Widerspruch forderte oder gar prägte, wurde Feigheit
und aus der unausweichlichen Angst vorm Nichts, das kommen würde, Hilflosigkeit.
Am Ende klapperten wir jeden Tag aufs Neue mit Dutzenden voller Bierflaschen vom Bahnhofsvorplatz nach Hause,
dem scheppernden Lärm im Rucksack auf unserem Rücken vertrauend, wie kleine Jungs pfeifend im Wald.
Nur um am nächsten Nachmittag, spät aus dem Rausch erwacht, bekotzt und stinkend,
in den angewiderten Blicken der von der Arbeit heimwärts hetzenden, so genannten Normalos
ausreichenden Grund für eine erneute Abgrenzung zu sehen. Die wir, noch immer im Halbrausch,
in magere Worte kleideten: Fick dich! Der obligatorisch dazu erhobene Mittelfinger gab den Startschuss
und das alltägliche Spiel konnte aufs Neue beginnen. Lass Flaschen klirren, lass krachen.
Spät, sehr spät begriff ich, dass das nicht Punkrock ist.
*
(...) Es war, als hätten wir uns gesucht. Später wird er sagen, es war die Hoffnung,
so etwas wie einen Strohhalm zu finden. Jemanden, der einen rausziehen würde aus dem
ewig gleichen Kreislauf, Abrisshaus, Bahnhofsvorplatz, Abrisshaus.
Ich kam aus einer anderen Welt. Punkrock war ein fremdes Wort. Noch Jahre später hätte ich nie geglaubt,
regungslos mit ansehen zu können, wie jemand eine tote Ratte mit ein paar gezielten Hammerschlägen
an eine Haustür nageln konnte. Zur Abschreckung. Was tatsächlich funktionierte, wie ich feststellen musste,
als damals im selben Moment Meier vorbeikam. Dieser Meier war dreißig, mit leicht gebeugtem Rücken und
ergrauten Haaren, von was auch immer, jung, wie er war. Meier war vom Ordnungsamt. Als er die an der Haustür
baumelnde Ratte sah, blieb er abrupt stehen, drehte sich um und begann zu kotzen. Die Leute um ihn herum,
bunt und dreckig, kreischten auf. Es war nichts Ungewöhnliches an diesem Ort, aber von Meier,
hatte man es so öffentlich bisher nicht gekannt. Und Hemmungslosigkeit zählte hier mehr als alles andere.
So sammelte Meier vom Ordnungsamt Punkte.
*
Aber das war alles sehr viel später. An jenem Nachmittag, als ich Schober kennenlernte, blieb mir
zunächst nichts anderes übrig, als wahrscheinlich stundenlang darauf zu warten,
dass der Schneesturm vorübergehen würde. Das erste einladende Nicken des bunten Kerls
hinter dem Kneipenfenster ignorierte ich noch. Nach einer halben Stunde tauchte sein Gesicht
wieder auf, er grinste, weil er sah, wie ich mir frierend die Hände rieb und von einem Fuß
auf den anderen hüpfte. Wieder lud er mich mit einer fast nicht zu merkenden Kopfbewegung
nach drinnen ein. Nichts sollte verbindlich wirken. Und so zog ich nur die Augenbrauen hoch,
machte ein bemüht fragendes Gesicht und deutete in den Kneipenraum. Dort soll ich hinein?
Ich doch nicht.
Minuten später stand ich doch im Warmen. Am Tresen, denn weiter traute ich mich nicht
in diesen verqualmten lärmenden Kneipenraum hinein, in dessen dunkelster Ecke eine kleine
Horde bunter Punks, unter ihnen der freche Kerl vom Fenster, feierte. Ich kam mir hilflos vor,
verunsichert suchte ich nach der lässigsten Position, lehnte mich an den Tresen, steckte die
Hände in die Taschen, nahm sie raus, stellte mal das linke, mal das rechte Bein demonstrativ aus.
Immer wieder bemühte ich mich, den Eindruck zu vermitteln, den Kneipenraum nicht weiter betreten
zu können, weil ich nur von hier vorne aus, vom Tresen aus, meine Crossmaschine draußen unter
dem Vordach im Blick behalten könnte. Der Punkerkerl grinste in Abständen zu mir herüber,
er schien mich zu beobachten und vor allem schien ich ihn in meiner Hilflosigkeit zu belustigen,
während ich mich wie auf einem Präsentierteller fühlte. Also drehte ich mich weg.
Sekunden später erschrak ich. Aus dem Nichts tauchte eine Bierflasche auf und stieß mir fast mein
Teeglas aus der Hand. Es klirrte. Zoschen! Was immer das heißen mochte, der Punkerkerl sagte: Zoschen!
und prostete mir grinsend mit seiner Bierflasche zu. Dann nahm er einen kräftigen Schluck,
verstaute die Flasche in der ausgebeulten Seitentasche seiner BW-Hose und schlurfte in einem
gemächlich wiegenden Gang, an dem ich ihn noch Jahre später aus mehreren Kilometern Entfernung
erkennen würde, zum Klo. Zoschen!? Zoschen?? Ich wollte nur noch weg. Ich kippte meinen Tee hinunter,
zahlte und schlitterte Sekunden später auf meiner XT vom Bahnhofsvorplatz.
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