| Startseite I Neuigkeiten I Autoren I Bücher I Weblogs I Lesungen I Eigenes Buch vorstellen I Presse I Disclaimer I Impressum I Kontakt
Probelesen.infox bereits erschienen: in Vorbereitung: |
|
| über Probelesen.info Probelesen.info stellt bereits veröffentlichte Bücher und bisher unveröffentlichte Projekte ausgewählter Autoren vor. Wir freuen uns über jede Anfrage, eigene Bücher auf Probelesen.info zu präsentieren.
Dietmar Haiduk ProbeLesen.info ist ein Projekt von Dietmar Haiduk.
Autoren Haiduk, Dietmar Linke, Marco W. Schilling, Barbara
|
LESEPROBE
Inhalt: Unser Leben wird blogistiver. Ein neues Wort steht für
eine neue Art zu leben: Erfahrungen bleiben nicht mehr nur uns selbst vorbehalten oder werden im Kreis enger Freunde ausgetauscht. Längst werden Erlebnisse
Buch versandkostenfrei und mit persönlicher Widmung bestellen
|
Haiduk, Dietmar Blogistiv 1.0 Notizen eines Jahres ISBN 9-7838-37023-985, Webtagebuch, erschienen April 2008 im Verlag Books on Demand GmbH, 9,95 EUR (inkl. gesetzl gültiger MWst), erhältlich u. a. libri.de, amazon.de
Leseprobe 29. April Mobilität des Geistes
Ich habe heute mit einem Freund über die Frage diskutiert, was überwiegen würde: die zunehmende Vereinzelung massenhafter Netz-User und deren Entfremdung realen Erlebnissen gegenüber oder vielleicht doch die Chance, dass der damit verbundene Mangel an physischer Mobilität durch eine größere Mobilität des Geistes aufgewogen werden könnte. Kommunikation mit Hilfe des Weltweitnetzes erweitert ja auch die Möglichkeit der Wahrnehmung: Es bleibt nicht nur beim passiven Hören oder Lesen von bisher Unbekanntem. Das im Netz Erlebte wird längst im selben Moment gelebt: Der Webcam- Blick in die Wohnung des neuen Chatpartners ist real, die angeschauten Videos und heruntergeladenen Songs amüsieren gleichzeitig und gemeinsam, die zu kommentierenden Fotos und geposteten Texte lassen in jeder Sekunde teilhaben am Leben bisher fremder, hunderte Kilometer entfernt lebender User. Aus dem virtuell Gelebten werden, ohne dieses weltweite Netz sonst kaum machbare Erfahrungen. Was aber, wenn die tatsächliche Wirklichkeit - draußen vor den Fenstern und also dort, wo diese neuen Erfahrungen dann auch nutz- und brauchbar sein könnten - irgendwann nur noch auf ein Minimum reduziert ist, weil alle Welt sich längst dem virtuellen, zweiten Leben zugewandt hat? Was bliebe uns denn noch, wenn das Wesen Mensch irgendwann mutiert wäre zu einem Wesen mit stark ausgeprägten und auf das schnelle Anschlagen von Computertasten spezialisierten Fingern, aber einem von erstarrten, kaum noch notwendigen Muskeln ins Fratzenhafte verkümmerten Mund, der als Organ des Sprechens längst seine Funktion verloren haben wird?
Wie lernen Nachfolgende lesen (eine unabdingbare Voraussetzung, um chatten und mailen zu können) wenn die, die es ihnen durch vernehmbare Lautartikulierung beibringen könnten, im Taumel virtueller Welten längst das Sprechen verlernt haben werden?
19. September Schwankend laufen lernen
Der Tagestrip, zu dem ich mich mit M., einem Freund, während eines Bike-Urlaubs in den Dolomiten entschließe, reicht: Die erste Berührung ist eklatant, die Stadt empfängt uns mit Regen, der alles grau färbt. Licht, Wasser und die Morbidität allen Steins werden eins. Venedig stirbt in einer grandiosen Selbstinszenierung, angefeuert von lärmender Touristenmagma, die sich tags durch die Gassen wälzt, alle Gespräche der Venezianer dämpfend. Nur abseits strahlt die Stadt eine fast sanfte Ruhe aus. Und selbst wenn marktschreierisches Geplänkel aufkommt, scheint es zur richtigen Zeit inszeniert. Wir alle brauchen, was wir erwarten.
Plötzlich aber, so von Wasser umgeben, spüre ich die alte Angst: Was, wenn riesige Wellen vom Meer her in die Stadt drücken? Wohin rettet man sich, wenn doch notwendig wäre, wonach es ein halbes Leben verlangt: Sich endlich den Fluten zu stellen? Dann: Szenen aus Phuket. Die Erinnerung, stundenlang schluchzend vor diesen – damals unsere mediale Wahrnehmung bestimmenden – Bildern gelegen zu haben, bis die eigene Angst vor allem Wasser offenkundig wurde. Als Beweis mag jene erinnerte Szene vor unzähligen Jahren dienen: ein kleiner Junge, spielend am Wehr einer wilden Badestelle. Die riesigen Betonplatten, an denen Wasser hinabrauscht und die – wie soll man es wissen mit sieben Jahren – niemals Halt bieten konnten: nass und glattgeschliffen. Bis der Junge, unvorsichtig geworden, festklemmt zwischen dem nachdrückenden Wasser von oben und den tosenden Strudeln zu seinen Füßen. Hilflos. Das Bild der Mutter, bis auf die Haut entblößt, weil selbst das Unterkleid als rettende Schlaufe dienen muss. Dahinter die Gaffenden und immer wieder dazwischen auch jener dunkelhaarige, gut gekleidete, aber tatenlose Mann – gesichtslos in der Erinnerung – auf dessen Hilfe man vergebens hofft. Was, wenn die Lust, sich der gefluteten Stadt Venedig hinzugeben – wenn das Verlangen, endlich allein auf unsicherem, glitschigem, schwankendem Boden gehen zu können, vor allem die endgültige Abkehr vom eigenen – Jahrzehnte schmerzhaft vermissten – Vater wäre, dessen Hilfe man nie bekam?
Auf der Rückfahrt sitzen M. und ich in einem Regionalzug der italienischen Bahn, der uns durch das nächtliche Italien zurück an den Gardasee bringt. Der Traum wird unterbrochen von Alltäglichem. Wir lesen deutsche Zeitungen – noch immer ungläubig, sie tagesaktuell in der Hand zu halten, als wäre Italien, nun ja, das Ende der Welt. Später sitze ich allein in einem Bistro im Bahnhof von Verona, es ist gegen 9 Uhr abends. Da bin ich also in Verona, der Stadt der Liebenden seit Shakespeares Romeo und Julia – und sitze … im Bahnhof. Allein.
|
Links intern
Links extern
Leseproben
Bücher kaufen
Rezenzionsexemplare
|
k
|
|||
|
|||
|