ProbeLesen.info  Leseprobe von Dietmar Haiduk

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Autor

Dietmar Haiduk

Titel

Die Geschichte von Lisa & Sophie

Genre

Erzählung

in

Mein Sommer mit Marleen

erschienen

31.Mai 2007 - zu bestellen in jeder Buchhandlung oder u.a. bei amazon.de, libri.de, buch.de, Bod.de und vielen anderen Online-Buchshops

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Kontakt

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Biografisches

Geboren in Leipzig, Abitur, danach Arbeit in einer Buchhandlung, Volontariat im DEFA-Studio für Spielfilme, Babelsberg und Studium der Filmregie an der Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ in Babelsberg. Abschluss als Diplomregisseur für Film und Fernsehen, anschließend Regieassistenzen im DEFA-Studio für Spielfilme. In den 1990er Jahren freiberufliche Arbeit als Dokumentarfilmregisseur, anschl. freiberuflich als Autor, in den letzten Jahren auch als selbständiger Eventmanager tätig mehr

Inhalt Die Geschichte von Lisa & Sophie

Noch einmal beschwört die seit einer Operation erblindete, sechszehnjährige Sophie eine Nacht lang die Freundschaft zu der gleichaltrigen Lisa, denn die hat sich in einen Jungen verliebt und Sophie weiß, für sie - auf Hilfe angewiesen - wird kaum noch genug Zeit bleiben. So überredet sie Lisa, sich ein letztes Mal mit ihr an den Ort ihrer gemeinsamen Freundschaft zurückzuziehen: das Dach eines Hochhauses inmitten der Großstadt. Hier, hoch oben, hatten beide unendliche Stunden miteinander verbracht. Die Welt war weit weg. Das war ihr Leben. Unantastbar. Ewig.

enthalten in:

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Mein Sommer mit Marleen

Erzählungen, Hardcover, 180 Seiten, 22,95 Euro (inkl. 7%    Mwst.) ISBN 9-783-8334-9524-3 / Verlag Books on Demand, Norderstedt, erschienen: Mai 2007                                          

 

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Leseprobe Die Geschichte von Lisa & Sophie

Ich habe ihn geliebt. Er hat mich geliebt. Er hieß Marc.

Dieser wunderschöne Marc, auf den alle scharf waren. Auf seine schwarzen, gleichmäßig fallenden Haare, diesen typischen Collegehaarsschnitt. Auf seine Geilheit und auf seine Späße, zu denen es ihn immer und überall trieb. Vor allem nachmittags, wenn wir uns bei mir trafen. Im Haus meiner Eltern, die wir um diese Zeit unten in ihrer Metzgerei wussten. In dem kleinen, schmierigen Betrieb, in dem auch ich in jenen Spätsommertagen zu lernen beginnen sollte. Weil die Schule vorbei war, weil ein anderes Leben beginnen würde. Weil ich, Lisa, endlich sechzehn war.
In jenem Sommer begann so vieles neu, nicht nur meine Lehre und die Sache mit Marc. Vor allem gab es eine neue Vertraulichkeit mit meinen Eltern. Plötzlich war ich ihnen kein Kind mehr. Und sie mochten Marc. Am liebsten hätten sie uns schon jetzt vor den Traualtar gezerrt. Das hätte besser zu einem solch aristokratischen Haus gepasst, aus dem ich stammte und das nicht unbedingt dem einer Metzgerfamilie entsprach. Auch zu dem noblen Wagen in der Garage und der jahrelangen Ehe meiner Eltern, die unsere Nachbarn noch immer für glücklich hielten.
Mama und Papa waren mit Sicherheit die einzigen wahrhaft aristokratischen Metzger von Berlin. Marc fand es schräg, fast skurril, wie sehr bei uns auf Etikette und alte Familientraditionen geachtet wurde. Wohl nur, weil er sich da auch einen Platz für sich erhoffte, den ewig gehätschelten und erwünschten Schwiegersohn, der irgendwann das Geschäft übernehmen würde.
Und so mochten meine Eltern jenen Marc mehr, als sie je meine gute alte Freundin Sophie mochten. Denn die duldeten sie nur, genauer gesagt, sie duldeten ihre Blindheit. Sie waren höflich zu ihr, ja. Aber sie schämten sich für so ein Mädchen. Am liebsten wäre es ihnen gewesen, ich hätte Sophie mit all meinen Erinnerungen an die Tage der Kindheit weit weg gepackt. In jene Zeit zurück, da Sophie und ich gemeinsam aufwuchsen, bis ich sie seltener sah, weil man uns trennte. Weil man Sophie, als sie blind geworden war, einfach aussortierte, nachdem ein Arzt sie falsch behandelt hatte. Es war ein typischer Kunstfehler, allerdings um den Preis ihrer lebenslangen Blindheit. Sophie war keine fünf Jahre alt.

Elf Jahre später sah auch ich sie das letzte Mal. Genau in jenem Monat, in dem die Bienen kamen. Mit diesem Nachmittag im September, als Marc bei mir war, als meine Eltern weit weg waren und als Sophie unerwartet vor der Tür stand, wurde alles anders. Am Ende spielte Marc keine Rolle mehr, meine Eltern kaum noch. Sophie erst recht nicht mehr; sie war tot.

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(...) Ich riss Sophie an mich. Wir schoben in wilden, verrenkten Bewegungen tanzend über den Beton. Du, Sophie, brauchst einen Kerl. Du brauchst nicht Marc, erst recht nicht mich. Du brauchst einen Mann fürs Leben! Kerl! Geliebten! Beschützer!
Sophie tanzte und schrie. Ich versuchte alles auf einmal, ich wollte dieses Dach nicht verlassen, ohne Sophie stark zu wissen. Aber Sophie schwieg einfach. Sie ließ mich ausreden. Sie wusste, irgendwann würden mir die Worte ausgehen. Als es dann später wirklich passierte, grinste Sophie mich einfach nur an.
Sie entwand sich mir. Wieder ließ sie sich auf den Boden fallen, in sich selbst hinein. Sie robbte und sprang wieder auf. Sie maß das Dach mit ihren Schritten. Sie zählte laut. Dann blieb sie zufrieden stehen. Sie sagte: Jetzt wüsste sie, wo der Abgrund beginnt. So tonlos habe ich Sophie nie reden hören. Plötzlich hatte ich Angst um sie.

Meine Angst wurde am nächsten Morgen zur Gewissheit. Wir hatten die Nacht hoch oben auf dem Dach verbracht. Der Lärm unten in den Straßen weckte mich. Sophie war längst aufgestanden und meiner umklammernden Hand entwichen.
Als ob meine Hände sie wirklich davon hätten abhalten können, in die Tiefe zu springen ...


Als ich durch meine noch schläfrigen Augen blinzelte, stand Sophie an der Brüstung. Sie hatte kleine, platzende Plastikkugeln um sich herum verteilt. Ihr Knallen verriet ihr, dass ich mich ihr stumm näherte. Sie regte sich nicht. Sie suchte meinen Arm, während es unter meinen Füßen knallte.
Am Haus gegenüber wippte ein neues Gesicht, ein junger Kerl auf einer Arbeitsbühne. Er trug lange Haare, Ohrringe, Tattoos auf den entblößten Oberarmen. Kräftig zog er das Leder über die riesigen Fensterscheiben. Immer wieder starrt er herüber. Ein Fenster stand offen, dahinter Lude, der Fotograf. Die Männer unterhielten sich. Nichts war zu hören. Bis Sophie mir lächelnd übersetzte, worüber sich die Männer ihre Mäuler zerrissen: das Mädchen springt… sie springt nicht… die stehen seit dem Abend dort… wir sollten die Polizei rufen… nein, das sollten wir nicht...
Es war ein ewiges hin- und her. Wir wussten, die Kerle waren nur geil. Wir grinsten. Ich flüsterte, was ich sah. Sophie flüsterte zurück, was sie hörte. So machten wir uns lustig. Wir posierten. Ich drehte einen Joint. Ich hatte nichts, was ich hätte reinpacken können. Nicht einen Krümel. Aber wir pafften an der Riesentüte und pusteten Kringel in die Luft. Ich setzte mich mit baumelnden Beinen auf die Brüstung. Mir wurde schwindlig, so hoch. So tief. Aber ich wollte cool sein.
Bis Sophie mit leiser Stimme hinter mir fragte: Was, wenn ich wirklich springe?

(...)

 

 



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